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Virus mutiert in Windeseile

H7N9 könnte sich zu einem potenziell gefährlichen Stamm entwickeln

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Von Nik Walter

Die diesjährige Grippewelle ist mittlerweile abgeklungen. Sie dauerte länger als im Schnitt der letzten Jahre und war recht heftig. Wirklich ruhig wird es um die Grippeviren aber trotzdem nicht. Schuld daran ist ein neues Vogelgrippevirus vom Subtyp H7N9, das vor etwa zwei Monaten erstmals in China aufgetaucht ist. In Shanghai und Umgebung haben sich bislang 43 Menschen nachweislich mit dem Virus infiziert, elf sind daran gestorben; gestern Samstag wurde ein erster Fall in Peking publik. Weltweit sorgen sich Experten daher, ob das Virus allenfalls eine globale Epidemie (eine Pandemie) mit Zigtausenden von Toten auslösen könnte.

Momentan stehen die Zeichen eher auf Entwarnung. «Es sieht nicht nach einer Epidemie aus», sagt Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit. Denn dafür müsste jeder Infizierte mindestens einen weiteren anstecken. Und das ist im Moment nicht der Fall. Alles deutet darauf hin, dass sich die bislang Infizierten bei einem Tier, wahrscheinlich einem Vogel, und nicht bei einem Menschen angesteckt haben. Zudem hat die Zahl der nachweislich Infizierten in den letzten Tagen zwar stetig zugenommen, aber sie ist nicht sprunghaft angestiegen.

Solche Informationen sind allerdings mit Vorsicht zu geniessen. Denn noch weiss man wenig über das Virus. So ist zum Beispiel noch nicht klar, von welchem Wirt das Virus auf den Menschen übertragen wurde. Hühner, Truten, Gänse, Wachteln, Tauben und andere Vögel kommen infrage – bei all diesen Tieren hat man Spuren des Influenzavirus H7N9 gefunden. Aber der Beweis einer Übertragung auf den Menschen steht noch aus.

Schweine fungieren oft als Zwischenwirt für Grippeviren

Erschwerend wirkt bei der Suche, dass die infizierten Vögel selber nicht erkranken. Ganz anders wirkt das H5N1-Virus – jenes Vogelgrippevirus also, das seit 2003 vor allem in Asien grassiert und immer wieder auch Menschen infiziert: Es ist für den Tod von Hunderten Millionen von Vögeln verantwortlich.

Just als Ende März die ersten H7N9-Todesfälle bekannt wurden, sorgte ein zweites Ereignis in Shanghai für Aufregung: Tausende von toten Schweinen trieben im Huangpu-Fluss durch die Megacity. Schnell kam die Spekulation auf, sie könnten am H7N9-Virus verendet und daher die Quelle des neuen Virusstamms sein. Schweine fungieren oft als Zwischenwirt für Grippeviren.

Der Verdacht wurde indes vorerst entkräftet. Eine genetische Analyse des H7N9-Virus zeigte, dass seine acht Erbgutsegmente (mit insgesamt elf Genen) alle aus Vögeln stammten, dass also keine Vermischung mit Schweinegrippeviren stattgefunden hat. Mittlerweile haben Forscherteams mehrere Varianten des H7N9-Subtyps analysiert. Sie fanden dabei heraus, dass das neue Virus vermutlich aus einer Kombination aus Wildvögel- und Geflügelviren im Delta des Yangtse-Flusses entstanden ist und dass es sich schon so verändert hat, dass es auch Säugetiere befallen kann.

Gemäss einem Bericht von «The South China Morning Post» machten chinesische Forscher bei der Genanalyse auch eine beunruhigende Entdeckung: Das Virus mutiert offenbar noch viel schneller, als dies Influenzaviren sowieso von Natur aus tun. Beunruhigend ist das deshalb, weil damit auch die Wahrscheinlichkeit erhöht ist, dass sich das H7N9- Virus zu einem potenziell gefährlicheren Stamm entwickelt, der etwa von Mensch zu Mensch übertragen werden oder Menschen leichter infizieren kann.

Der neue Ausbruch erinnert an jenen von Sars im Jahr 2003. Auch damals sorgte ein unbekanntes Virus, an dem viele Infizierte starben, in China für Aufregung. Damit enden die Parallelen allerdings bereits. Denn der Sars-Auslöser war kein Grippe-, sondern ein Coronavirus, das von Mensch zu Mensch übertragen wurde.

In einem weiteren Punkt unterscheiden sich die beiden Virusausbrüche deutlich: Bei Sars versuchten die chinesischen Behörden, alles unter den Teppich zu kehren, sie reagierten langsam und unbeholfen. Doch beim jetzigen H7N9-Ausbruch informierten sie transparent und schnell, wie etwa das europäische Seuchenzentrum ECDC lobend schreibt. Mehr als 400 chinesische Labors helfen bei der Analyse von Virusproben, Hunderte von Menschen, die mit Infizierten Kontakt hatten, wurden schon getestet, ebenso Tausende von Vögeln.

Voraussagen, wie sich das Virus und seine Verbreitung weiterentwickeln, können indes auch die chinesischen Behörden nicht.

Erschienen in der SonntagsZeitung vom 14.4.2013