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Die wilden Otter von Bern

 Seit 2005 leben an der Aare bis zu fünf «Wassermarder» in freier Wildbahn

  © Gabi Trachsel, Pro Lutra

 © Gabi Trachsel, Pro Lutra

Von Nik Walter

Während die Stiftung Pro Lutra in Österreich wissenschaftlich untersuchen lässt, ob der Fischotter auch in der Schweiz Fuss fassen könnte (s. Hauptartikel), läuft hierzulande quasi inkognito seit sieben Jahren ein «illegales» Feldexperiment. Offiziell ist der Fischotter bei uns zwar ausgestorben, dennoch lebten seit dem Sommer 2005 teilweise bis zu fünf Otter an der Aare zwischen Bern und Münsingen in freier Wildbahn – heute wohl nur noch einer.

Das kam so: Bei einem Aare-Hochwasser büxten Lumpi, ein Männchen, und Orava, ein Weibchen, aus dem Tierpark Dählhölzli aus. Orava war damals offensichtlich trächtig. Im Herbst 2005 oder im Frühling 2006 kamen irgendwo an der Aare dann drei Jungtiere zur Welt – es waren wohl die ersten in freier Wildbahn geborenen Fischotter in der Schweiz seit über 30 Jahren. Vermutlich war Lumpi der Vater; allerdings wurde Orava kurz vor dem Ausbruch von einem beigezogenen Otterrüden aus dem Zoo Zürich begattet. Fakt war: Plötzlich lebten fünf Otter draussen.

Ein Jahr später, 2007, wendete sich das Schicksal. Der eher zahme Lumpi wurde wieder eingefangen. Auch eines der Jungtiere, ein Männchen, ging verletzt in eine Falle des Tierparks. Der Park musste die Otter wieder einfangen, denn rechtlich galten sie – zumindest Lumpi und Orava – als «unerlaubt freigesetzt», auch wenn der Fischotter eigentlich auf der Roten Liste steht. Ob dieser Passus auch für die in freier Wildbahn geborenen Otter zutrifft, ist zumindest fraglich. Denn «freigesetzt» wurden sie ja nicht.

Zuletzt wurde der Fischotter Anfang August 2012 gesichtet

Im gleichen Jahr tauchte auch Orava wieder auf, allerdings mit so schweren Verletzungen, dass sie eingeschläfert werden musste, wie Dählhölzli-Direktor Bernd Schildger erklärt. Woher die Verletzungen stammten, ist unklar. Von einer Falle? Oder griff ein Hund Orava an? Tatsache ist, dass das Weibchen zum Zeitpunkt des Todes laktierte, also vor kurzem wieder Junge gehabt hatte. Diesmal wäre sicher Lumpi der Vater gewesen. Mutterlos starben die nie entdeckten Otterbabys.

Aare-Grafik Fischotter.jpg

Blieben noch zwei. Sie hinterliessen in den kommenden Jahren immer wieder (Kot-)Spuren an der Aare zwischen Bern und Münsingen, besonders viele offenbar in unmittelbarer Nähe des Flughafens Bern-Belp, wie Jean-Marc Weber von der Raubtierforschungsstelle Kora 2008 berichtete (siehe Karte). Die Otter fühlten sich dabei wohl weniger von den viele Flugzeugen angezogen als von der dortigen Fischzucht Giessenhof, die sie mehrmals heimsuchten.

Heute ist höchstwahrscheinlich nur noch ein «Wassermarder» an dem Flussabschnitt unterwegs. Zuletzt wurde er Anfang August gesichtet. Der zweite könnte sich in eine andere Richtung aufgemacht haben. 2008 fand Jean-Marc Weber Spuren am Wohlensee westlich von Bern, rund 30 Kilometer vom ursprünglichen Lebensraum entfernt.

Ganz vorbei ist das unbeabsichtigte Experiment also noch nicht. Die Chance, dass sich eine nachhaltige Population in der Region etabliert, ist allerdings gering. Und dies, obwohl das Experiment eigentlich klar zeigt: Ja, Fischotter finden in der Schweiz durchaus passende Lebensbedingungen. So scheint zumindest das Nahrungsangebot zu stimmen, wie eine Kotanalyse von Jean-Marc Weber von 2011 belegt: Demnach ernährten sich der oder die Aare-Otter zu über 90 Prozent von Fisch, am liebsten von Forellen. Amphibien, Reptilien und Gliederfüssler machten zusammen weniger als 10 Prozent der Nahrung aus.

Das Feldexperiment zeigt indes auch Probleme einer möglichen Wiederansiedlung auf. Zum einen die vielen Hunde im Naherholungsgebiet: Immer wieder stellten sie den Ottern nach und erschwerten ihnen das Leben. Zum anderen existiert ein offensichtliches Konfliktpotenzial mit Fischzüchtern; diese müssen lernen, wie man sich gegen Otterbesuche schützen kann (einfache Massnahmen reichen, s. Haupttext).

Trotzdem: Dass die Otter jetzt schon sieben Jahre draussen leben, sei durchaus positiv zu werten, sagt Tierpark-Direktor Schildger: «Das ist ein Kompliment an die Schweiz.»

Erschienen in der SonntagsZeitung vom 7.10.12