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Träumt weiter

Der Wissenschaftsautor Stefan Klein hat ein fantastisches Buch geschrieben über den Schlaf und wie das Gehirn die eigene Rumpelkammer aufräumt und verwaltet 

 Quelle: Deutsche Morgenpost

Quelle: Deutsche Morgenpost

Es war ein strahlender Herbsttag, wir wanderten auf einer Alpwiese unterhalb einer hohen Felswand. Ich weiss nicht mehr genau, wer mit dabei war, aber das ist egal. Dann wurde die Wiese immer abschüssiger, plötzlich ging nichts mehr: links die Felswand, rechts senkrecht runter, dazwischen ein ultraschma­ler Weg, kein Seil zum Halten, alles extrem exponiert. Meine Knie zitterten vor Angst, ich konnte nicht weiter. Dann wachte ich auf. 

Ein Traum, und erst noch einer mit einem mir als Akrophobiker (an Höhenangst Leidendem) durchaus bekannten Motiv, hat mich nicht zum ersten Mal an den Rand des Abgrunds geführt. 

Damit bin ich nicht allein. Befragt man Menschen nach den häufigsten Themen in ihren Träumen, gehört weltweit das Fallen (oder die Angst davor) zu den vier am häufigsten genannten Motiven – neben Verfolgungsjagden, Sex und der Erfahrung, etwas immer wieder vergeblich zu versuchen. 80 Prozent aller Menschen würden sich an solche Trauminhalte erinnern, schreibt der Wissenschaftsautor Stefan Klein in seinem neuen Buch «Träume – Eine Reise in unsere innere Wirklichkeit». 

Die Träume sind keine verschlüsselten Botschaften 

Für die meisten Menschen sind Träume heute aber eher eine Randnotiz. Manchmal registriert man zwar beim Aufwachen: «Ach, da war ja was!», aber viele mögen sich nur selten an die nächtlichen Eska­paden ihres Geistes erinnern und sagen daher: «Ich träume eigentlich nie.» Doch das ist falsch, wie die Traumforschung in den letzten Jahren herausgefunden hat. Vermutlich träumen wir sogar die ganze Nacht, in allen Schlafphasen, schreibt Klein. Mit Träumen verbringe man mehr Zeit als mit allen anderen Tätigkeiten im Leben. 

Mit seinem Buch öffnet Klein dem Leser nicht nur die Tür in eine fantastische Welt von Geschichten und Bildern, die nur einem selbst zugänglich ist, sondern er revidiert auch vieles, was man so über Träume zu wissen glaubt. So träumen wir zwar im sogenannten REM-Schlaf in der zweiten Hälfte des Schlafs komplexer und vermutlich auch intensiver als am Anfang des Schlafs, aber wir träumen eben nicht nur dann, wie man lange gedacht hat. Denn auch in anderen Schlafphasen und vermutlich sogar im Tiefschlaf sehen wir Bilder (wenn auch einfache), hören Geräusche und basteln uns unsere ­eigenen inneren Welten. 

Mit einem zweiten Dogma räumt Klein ebenfalls auf: Die Träume sind keineswegs verschlüsselte Botschaften unerfüllter (sexueller) Wünsche oder Sehnsüchte aus dem Unbewussten, wie es Sigmund Freud vor 114 Jahren mangels besseren Wissens postulierte und wie es die von ihm gegründete Psychoanalyse noch immer auslegt. Träume brauchen keine Deutungen, schreibt Klein, weil sie keine verkleideten Symbole seien. Sie sind nur deshalb oft so bizarr, fantastisch und inkonsistent, weil das ­Bewusstsein im Schlaf ganz anders funktioniert als im Wachzustand. Daher seien Träume letztlich sogar ein Schlüssel zum Geheimnis des menschlichen Bewusstseins. 

Der Schlaf ist jedenfalls keineswegs der kleine Bruder des Todes, wie es gern heisst. Denn das ­Gehirn durchläuft dabei Phasen unterschiedlicher Aktivität, und dementsprechend wechseln auch die Bewusstseinszustände. Klein vergleicht das mit einer Zwiebel. Das Wachbewusstsein entspricht dabei der äussersten Schicht. Im REM-Schlaf, der nächsten Schicht, machen wir Erfahrungen, haben Gefühle und sind als «Ich» noch präsent, allerdings ohne Erinnerungen und Zeitempfinden. In der innersten Schicht, dem Tiefschlaf, sehen wir nur noch Licht, Farben, elementare Dinge – das «Ich» ist aber verschwunden. 

Das Bewusstsein, schreibt Klein, sei nie eine Frage von alles oder nichts. Von den extremen Polen – den äusserst reduzierten Erlebnissen im Tiefschlaf bis zur vollen Konzentration eines Kletterers in der Felswand – durchlaufen wir alle Phasen der geistigen Präsenz. 

Was im Gehirn passiert, wenn wir uns abends ins Bett legen und einschlafen, weiss man heute dank modernen, bildgebenden Verfahren wie der Kernspintomografie (MRI) ziemlich genau. Eine zent­rale Rolle spielt dabei der Thalamus, eine nussgrosse Schaltstelle zwischen Aussenwelt, Grosshirnrinde und Stammhirn. Beim Einschlafen kappt der Thalamus zuerst die Verbindungen zu den Sinnesorganen, den Augen und Ohren – dermassen abgeschottet sind wir quasi taub und blind. ­Teile der Grosshirnrinde bleiben noch ein paar Minuten länger wach, das Bewusstsein schaltet seine Lichter erst nach und nach aus. 

Zur Ruhe kommt das Hirn deswegen aber nicht. Der Gesamtenergieverbrauch sinke beim Einschlafen nur marginal, schreibt Klein, einzelne Teile des Gehirns brauchen sogar mehr Energie im Schlaf. 

Das Gehirn führt ein Eigenleben, auch Blinde träumen in Bildern 

Das heisst: Im Schlaf macht das Gehirn das, was es sowieso am liebsten tut, nämlich sich mit sich selbst beschäftigen. Nur ein Bruchteil aller Gehirnzellen stehen mit der Aussenwelt in Kontakt, schreibt Klein, der grosse Rest macht Innendienst – selbst wenn wir wach sind. Mehr als 80 Prozent seiner Energie verwendet das Gehirn für Aufräum-, Verwaltungs- und Koordinationsarbeiten. Unser Denk­organ sei kein Glaspalast mit grossen Fensterfronten, schreibt Klein und bezieht sich dabei auf den kolumbianischen Hirnforscher Rodolfo Llinás von der New York University, sondern eine mit ein paar Gucklöchern versehene Kammer. 

Dass unser Gehirn ein weitaus frivoleres Eigenleben führt, als wir manchmal gerne glauben, belegen auch Geschichten von Menschen, die von Geburt an blind sind. Auch sie träumen offenbar in Bildern, wie portugiesische Forscher in ­einer aufsehenerregenden Studie zeigten. Als die Blinden ihre Traumbilder auf Papier kritzelten, konnten Experten die Zeichnungen nicht von denen sehender Menschen unterscheiden. 

Im Traum scheinen also alle Menschen gleich zu sein. Alle ­sehen Gegenstände, Landschaften, Menschen, hören Stimmen oder Geräusche, treiben Konversation, auch wenn sie im wachen Leben nichts hören oder sehen. 

Und noch etwas ist bei allen gleich: Die Träume sind von Emotionen gesteuert, von Angst oder Lust, von Ärger oder Scham. Emotionen gehören laut Klein zu den elementarsten Regungen des Gehirns, sie sind nicht nur die Grundlage allen bewussten Erlebens, sondern auch die Basis aller Träume. 

Die Emotionen bestimmen die Trauminhalte, schreibt Klein, und nicht umgekehrt. Wer positiv gestimmt ist, träumt zum Beispiel von einem Schäferstündchen mit einer lange Verflossenen, wem die eigene Lage oder Zukunft aber gerade Sorgen bereitet, der muss im Traum eine schwierige Prüfung absolvieren, auf die er oder sie viel zu schlecht vorbereitet ist. Die Angst oder die Lust holen sich Bilder und Geschichten, die teils schon jahrzehntelang in den grauen Zellen gespeichert sind, und basteln daraus einen zur gerade herrschenden Emotion passenden Traum. Ich selbst hatte meinen eingangs erwähnten Höhenangsttraum am Vorabend einer längeren Recherchereise. In solchen ­Situationen bin ich jeweils ziemlich nervös und besorgt. 

Die Emotionen führen also Regie im Traum. Das hat vor allem damit zu tun, dass die Vernunftzentrale des Gehirns, der präfrontale Kortex (PFC), der im Wachzustand die Gefühlsregungen dämpft und einordnet, sich im Schlaf verabschiedet hat. Deshalb erscheint uns manches, was uns nächtens durch den Kopf geht, so unlogisch – und daher haben Traumdeuter wohl jahrhundertelang nach versteckten Botschaften gesucht. 

Es lohnt sich, dieses Drittel der Lebenszeit festzuhalten 

Dass Stefan Klein die Traumwelt ein Stück weit entmystifiziert, tut der Faszination für die nächtlichen Eskapaden keinen Abbruch. Im Gegenteil. Das spannend und lebendig geschriebene Buch – Klein ist derzeit einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Wissenschaftsautoren – ist ein eigent­liches Plädoyer, sich selbst vermehrt mit den eigenen Träumen zu befassen und so eine neue Seite seiner Existenz kennenzulernen. Wäre es nicht schade, fragt Klein, wenn Sie ein Drittel Ihrer Lebenszeit versäumen würden? 

Damit man das nicht tut, liefert Klein am Schluss des Buchs eine kleine Anleitung zum bewussteren Träumen. Allein schon, wenn man sich beim Einschlafen vornehme, sich die Träume zu merken, seien diese präsenter. Es helfe auch, beim Aufwachen kurze Notizen zu machen, ein Traumtagebuch zu führen. Und man müsse die Träume ernst nehmen. «Denn alles, was Sie heute Nacht im Schlaf erlebten, entsprang ihrem eigenen Geist. Sie waren Publikum und Künstler zugleich. Sie erfanden ein ganzes Universum und gingen in dieser perfekten Illusion auf.» 

Stefan Klein, «Träume – Eine Reise in unsere innere Wirklichkeit», S. Fischer, ca. 30 Franken

Diese Rezension erschien am 23. November 2014 in der SonntagsZeitung