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Tödliche Ignoranz

Der an der ETH Zürich entwickelte Golden Rice könnte die Ärmsten mit Vitamin A versorgen, doch Greenpeace und Co. bekämpfen ihn noch immer

 12-jähriges Mädchen, erblindet wegen Vitamin-A-Mangel  (Foto: Community Eye Health)

12-jähriges Mädchen, erblindet wegen Vitamin-A-Mangel  (Foto: Community Eye Health)

Von Nik Walter

Es ist eine Tragödie, die sich fernab der Öffentlichkeit abspielt. Ein bis zwei Millionen Menschen sterben weltweit jährlich an den Folgen von Vitamin-A-Mangel, ein Drittel davon Kinder unter fünf Jahren. Das sind ungefähr so viele Tote, wie das Aidsvirus HIV oder der Malaria-Parasit jedes Jahr fordern. Zusätzlich erblinden jährlich bis zu 500 000 Kinder wegen zu wenig Vitamin A. Betroffen sind vor allem die Ärmsten der Armen, Menschen in ländlichen Gebieten Südostasiens, Afrikas und Lateinamerikas, die sich fast ausschliesslich von Reis ernähren. Reis enthält natürlicherweise praktisch kein Vitamin A.

Es gäbe aber eine Reissorte, die den täglichen Bedarf an Vitamin A decken könnte: der an der ETH Zürich entwickelte Golden Rice. Diese Sorte enthält zusätzlich ein Gen für das Eiweiss Beta-Carotin, das Karotten, Kürbissen oder Mais die gelb-orange Farbe verleiht. Reiskörner von gentechnisch veränderten Golden-Rice-Pflanzen leuchten ebenfalls gelb oder goldig, daher der Name. Das von der Pflanze produzierte Beta-Carotin kann unser Körper in Vitamin A umwandeln. Golden Rice hat daher das Potenzial, schnell und nachhaltig Millionen von Menschenleben zu retten.

 Golden Rice enthält die genetische Bauanleitung für das Eiweiss beta-Carotin, den Vorläufer von Vitamin A (Foto: IRRI)

Golden Rice enthält die genetische Bauanleitung für das Eiweiss beta-Carotin, den Vorläufer von Vitamin A (Foto: IRRI)

Eines der ersten Symptome bei einem Vitamin-A-Mangel ist Nachtblindheit. Später können die Betroffenen ganz erblinden. Zudem schwächt ein Vitamin-A-Mangel das Immunsystem und begünstigt so potenziell tödliche Infektionen. Weltweit leiden 250 Millionen Kinder im Vorschulalter an Vitamin-A-Mangel.

Warum nur, fragt man sich, wird das Potenzial des Golden Rice nicht genutzt? Mehr als 20 Jahre nach Beginn der Forschungsarbeiten ist der Vitamin-A-haltige Reis nämlich noch immer nicht für den Anbau zugelassen. Der Grund für die Verzögerungen liegt aber nicht bei den Forschern – seit 2005 existiert eine Sorte, die genügend Beta-Carotin produziert –, sondern bei den äusserst strengen Vorschriften für den Umgang mit Gentechpflanzen.

Kategorische Ablehnung ist nur schwer nachvollziehbar

«Nach wissenschaftlichen Grundsätzen sind diese Regulierungen nicht haltbar», sagt der emeritierte ETH-Pflanzenbiotechnologe Ingo Potrykus, der zusammen mit Peter Beyer von der Universität Freiburg den Golden Rice entwickelt hat. «Sie werden nur aufrechterhalten wegen des grossen Drucks der Gentechnikgegner.»

 Ingo Potrykus (links) und Peter Beyer, die Erfinder des Golden Rice  (Foto: goldenrice.org)

Ingo Potrykus (links) und Peter Beyer, die Erfinder des Golden Rice  (Foto: goldenrice.org)

Umweltorganisationen wie Greenpeace oder Friends of the Earth sowie andere Nichtregierungsorganisationen (NGO) wie Biovision oder Swissaid bekämpfen den Einsatz von gentechnisch veränderten Pflanzensorten in der Landwirtschaft kategorisch und radikal. «Gentechnisch veränderte Pflanzen stellen eine Gefahr für das ökologische Gleichgewicht und die menschliche Gesundheit dar», heisst es beispielsweise auf der Website von Greenpeace.

Die Fakten sprechen indes eine andere Sprache. So kommen Hunderte von Studien – darunter auch eine im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms 59 durchgeführte – zum Schluss, dass Gentechpflanzen gleich sicher sind wie traditionell gezüchtete Nutzpflanzen. Die Unbedenklichkeit bestätigen auch die wichtigsten Wissenschaftsbehörden wie die britische Royal Society oder die American Association for the Advancement of Science in entsprechenden Statements.

Die kritische Haltung der NGO kann man halbwegs nachvollziehen, wenn es um Gentechnutzpflanzen geht, die resistent sind gegen Schadinsekten (zum Beispiel Bt-Mais) oder tolerant gegenüber einem Herbizid. Hier geht es nicht um Leben oder Tod. Zudem werden solche Sorten von grossen Saatgutmultis wie Monsanto oder Bayer vertrieben – gegen die viele Menschen ein latentes Misstrauen haben.

Der Golden Rice dagegen hat mit der Saatgutindustrie nichts zu tun. Zwar wurde die aktuell verwendete verbesserte Sorte von Syngenta mitentwickelt, der Schweizer Agrokonzern hat aber die Rechte, wie andere Firmen auch, dem nicht kommerziellen Golden Rice Project abgetreten, das zusammen mit dem ebenfalls nicht kommerziellen International Rice Research Institute (IRRI) auf den Philippinen den Vitamin-A-Reis weiterentwickelt und in lokale Reissorten einkreuzt. Unterstützt werden die Organisationen dabei unter anderen von der Bill-und-Melinda-Gates-Foundation und der Non-Profit-Organisation Helen Keller International, die sich weltweit gegen die Erblindung einsetzt.

Nicht zuletzt aus diesen Gründen ist die kategorische Ablehnung des Golden Rice durch Greenpeace & Co. schwer nachvollziehbar – vor allem moralisch nicht. Die NGO fürchten in erster Linie, dass mit der Zulassung des Vitamin-A-Reises der grünen Gentechnik Tür und Tor geöffnet werden. In ihrer Sprache ist der Golden Rice daher ein «trojanisches Pferd» der Industrie. Nur: Mit dieser radikalen Einstellung nehmen sie – wissentlich oder unwissentlich – auch den Tod und das Erblinden von Millionen von Kindern in Kauf.

Diese Haltung treibt Patrick Moore auf die Palme. Der Umweltaktivist und Greenpeace-Mitgründer ist heute einer der schärfsten Kritiker der Umweltorganisation. Nur gefühllose Misanthropen könnten sich gegen den Goldenen Reis stemmen, schreibt er. Mit Unterstützung des emeritierten Botanikers Klaus Ammann von der Universität Bern hat Moore die Organisation AllowGoldenRiceNow.org initiiert. Ihr Ziel: Golden Rice soll so rasch wie möglich zugelassen werden.

In der Debatte um den Golden Rice wird von den Gegnern immer wieder suggeriert, es brauche den Vitamin-A-Reis gar nicht, weil es «bereits bewährte und einfache Strategien gegen den Vitamin-A-Mangel gibt», wie Greenpeace Schweiz auf ihrer Website schreibt: «Dazu zählen die Verteilung von (Vitamin-A-)Präparaten, einfache Beimischungen in Grundnahrungsmittel und Gärten in armen Bezirken, um Obst und Gemüse zu erzeugen.»

Das klingt auf den ersten Blick vernünftig, ist aber letztlich eher zynisch. Denn wenn man das Problem angeblich im Griff hat: Warum sterben dann trotzdem jedes Jahr bis zu zwei Millionen Menschen an Vitamin-A-Mangel?

Kommt dazu, dass die Ärmsten der Armen sich nur aus einem Grund vorwiegend von Reis ernähren: Sie können sich nur das Grundnahrungsmittel, nicht aber teureres Gemüse leisten. Auch sind die Verteilprogramme für Vitamin-A-Kapseln teuer: Sie kosten weltweit geschätzte 500 Millionen Dollar pro Jahr. Und sie erreichen bei weitem nicht alle Betroffenen. «Diese Massnahme ist nicht nachhaltig», sagt Ammann. Sobald man mit der Verteilung aufhöre, mache sich der Vitamin-A-Mangel wieder bemerkbar.

Den Befürwortern des Golden Rice geht es aber nicht darum, die verschiedenen Massnahmen zur Bekämpfung des Vitamin-A-Mangels gegeneinander auszuspielen. «Wir wollen die Verteilung der Vitamin-A-Kapseln nicht konkurrenzieren, sondern komplementieren», sagt Potrykus.

Der Golden Rice soll den Betroffenen gratis abgegeben werden, und die Bauern könnten über die Samen frei verfügen. «Das ist nachhaltig», sagt Ammann. Ein Schälchen Goldener Reis deckt gemäss Angaben des Golden Rice Project 60 Prozent des Vitamin-A-Tagesbedarfs.

Den jüngsten Rückschlag erlitt das Projekt letzten Sommer. Am 8. August zerstörten philippinische Aktivisten ein Golden-Rice-Versuchsfeld am Reisforschungsinstitut IRRI. Vier weitere Felder liessen sie unbehelligt. Bei diesen Versuchen ging es vor allem um agronomische Fragen, also etwa darum, wie viel Ertrag die einzelnen Reislinien abwerfen.

 Aktivisten zerstören ein Versuchsfeld am IRRI  (Foto: Philippine Department of Agriculture Regional Field Unit 5)

Aktivisten zerstören ein Versuchsfeld am IRRI  (Foto: Philippine Department of Agriculture Regional Field Unit 5)

Bevor der Golden Rice tatsächlich den Betroffenen zur Verfügung stehen kann, muss er noch eine letzte Hürde nehmen: Die Helen-Keller-Stiftung will in einem landesweiten Versuch herausfinden, ob er hält, was er verspricht, also, ob er bei den Betroffenen tatsächlich den Vitamin-A-Mangel bekämpfen kann. «Wenn diese Versuche so positiv herauskommen, wie wir es erwarten, werden wir den Golden Rice weltweit verbreiten», sagt Potrykus.

2016 könnte es so weit sein, dass der Golden Rice in den Philippinen zugelassen wird, etwas später dann auch in Bangladesh und Indien. Ob Ingo Potrykus das noch erleben wird? «Das ist meine grosse Hoffnung», sagt er. Potrykus feierte im Dezember seinen 80. Geburtstag.

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Gentechversuch mit pilzresistentem Weizen

In knapp einem Monat starten Forscher der Universität Zürich einen neuen Feldversuch mit mehreren Linien von gentechnisch verändertem, mehltauresistentem Weizen. Anders als bei den Versuchen im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms 59, wo primär der Einfluss der Gentechpflanzen auf die Umwelt getestet wurde, geht es bei den neuen Experimenten mehr um praktische Fragen, etwa, wie viel Ertrag die einzelnen Linien abwerfen. Die Versuche werden auf einem geschützten Feld der Eidgenössischen Forschungsanstalt Agroscope Reckenholz-Tänikon durchgeführt.

Publiziert in der SonntagsZeitung vom 16.2.2014