texte

Auf Leben und Tod

Je mehr Patienten eine Pflegende im Spital betreut, desto höher ist das Sterberisiko.
Jetzt analysiert die Schweiz zusätzlich die Rolle der Ausbildung

Quelle: AOK

Quelle: AOK

Von Nik Walter

Egal, ob der Chirurg einen komplizierten Beinbruch flickt, ein künstliches Hüftgelenk einsetzt oder die Gallenblase entfernt: Es hängt nicht nur vom handwerklichen Geschick des Operateurs ab, ob der Patient den Eingriff überlebt. Auch die Zahl der Pflegenden im Spital sowie die Ausbildung der Pflegecrew können über Leben und Tod entscheiden.

Dies ist das Fazit einer europaweiten Studie an 300 Spitälern und über 420 000 Patienten, die ein internationales Forscherkonsortium mit Schweizer Beteiligung letzte Woche im Ärzteblatt «The Lancet» publizierte.

Je geringer der Stress der Pflegenden, desto eher verlassen die Patienten das Spital lebendig. Konkret: Für jeden Patienten, den eine ausgebildete Pflegekraft zusätzlich behandeln muss, steigt gemäss der Studie das Risiko um 7 Prozent, dass ein stationärer Patient in den ersten 30 Tagen nach seiner Aufnahme stirbt. Und je mehr Pflegende in einem Spital einen Bachelor-Abschluss haben, desto geringer ist das Risiko für die Patienten. Ein um zehn Prozent höherer Anteil der Pflegenden mit Bachelor-Abschluss reduziert gemäss der Studie des europäischen RN4CAST-Konsortiums das Sterberisiko der Chirurgie-Patienten um 7 Prozent.

«Man hat gesehen, dass das Pflegepersonal ein wichtiger Faktor für das Überleben der Patienten ist», sagt der Pflegewissenschaftler und Co-Studienautor René Schwendimann von der Uni Basel. Die von der EU finanzierte Studie des RN4CAST-Konsortiums analysierte Spitaldaten aus neun europäischen Ländern, darunter auch der Schweiz. 31 hiesige Spitäler kamen mit in die Auswertung. Welche das sind, darüber schweigt sich die Studie aus.

Im europäischen Vergleich fallen die Schweizer Spitäler nicht gross auf. Das Verhältnis Patient zu Pflegenden (7,8) ist hierzulande genau so Durchschnitt wie die Todesfallrate bei der Entlassung (rund 1,5 Prozent). Nur in einem Punkt stechen die Schweizer Daten heraus. Nirgendwo sonst ist der Anteil von Pflegenden mit Bachelor-Abschluss so tief wie hierzulande. Gerade mal zehn Prozent der hiesigen ausgebildeten Pflegefachkräfte haben einen Fachhochschulabschluss (mit Bachelor), der grosse Rest absolvierte die Pflegeausbildung an einer Höheren Fachschule (mit Diplomabschluss HF). Zum Vergleich: In Norwegen beträgt der Bachelor-Anteil bei den Pflegenden 100 Prozent.

Daraus nun den Schluss zu ziehen, Schweizer Patienten seien gefährdeter als norwegische, sei aber falsch, sagt Schwendimann. Mit der bisherigen Analyse könne man die beobachteten Zusammenhänge nur auf europäischer Ebene interpretieren und nicht auf die einzelnen Länder herunterbrechen.

In der Westschweiz haben mehr Pflegende den Bachelor

Schwendimann und sein Team am Basler Institut für Pflegewissenschaft sind derzeit daran, die Daten für die Schweiz genauer zu analysieren. Dabei geht es unter anderem um die Frage, ob die Ausbildung des Pflegepersonals auch hierzulande relevant ist. In der Westschweiz zum Beispiel ist der Anteil an Pflegenden mit Bachelor-Abschluss höher als in der Deutschschweiz.

Aus einer früheren Schweizer Studie wisse man bereits, dass in jenen Spitälern, in denen pflegerische Tätigkeiten – etwa die Überwachung der Patienten oder die Planung und Dokumentation – öfters zu kurz kommen, die Patienten eher sterben als in Krankenhäusern mit einer geringeren Arbeitsbelastung beim Pflegepersonal, sagt Schwendimann.

Ob auch die Ausbildung eine Rolle spiele, sei allerdings unklar. Man gehe in der Schweizerischen Bildungslandschaft davon aus, so Schwendimann, dass die beiden Ausbildungen «gleichwertig, aber anders» sind. Findet man in der detaillierten Analyse nun aber einen Unterschied bei der Sterblichkeit der Patienten, könnte das brisant werden.

Publiziert in der SonntagsZeitung vom 9.3.14