texte

Mehr Action fürs Hirn!

Kommerzielle Trainings für das Köpfchen machen kaum schlauer, Shooter-Games hingegen vielleicht schon

Unablässig drehen die Buchstaben N D E R U F auf meinem Bildschirm im Kreis. Ich muss möglichst schnell herausfinden, welches Wort dahintersteckt. «Fudern»?, nein, gibt es nicht. Aha, «Freund» ist gesucht, ich kriege ein grünes Häkchen. Schon tauchen die nächsten Buchstaben auf, dieses Mal sieben: B E G W E Ö L. Ping, die Zeit ist abgelaufen, «Gewölbe» ist mir leider zu spät in den Sinn gekommen.

Beim nächsten Spiel muss ich schnell rechnen, etwa Gleichungen lösen wie «28 ? 4 = 7» oder «? – 9 = 13». Da bin ich richtig gut. Nun kommt ein Gedächtnistest: Ich muss mir in einer Reihe auf dem Monitor vorbeiziehender Symbole jeweils das vorletzte Symbol merken und entscheiden, ob es mit dem aktuellen identisch ist oder nicht. Das ist sauschwer, es braucht schon eine clevere Strategie, um bei einem solchen «N-Back-2»-Test einigermassen zu bestehen.

Willkommen in der Welt der Gehirntrainings! Weltweit nutzen Hunderte von Millionen Menschen solche oder ähnliche Denk­übungen – in der Hoffnung, bei Prüfungen besser abzuschneiden, sich Geburtstage leichter merken zu können oder gar ihren IQ zu steigern.

Kein Wunder, buhlen unzäh­li­ge Websites, Apps und Program­me um die Gunst all jener, die sich mehr Hirnleistung wünschen. «Lassen Sie Ihr Gehirn wachsen», heisst es bei Neuronation, «Erhöhen Sie Ihre Gehirnleistung» bei Memorado, «Fordern Sie Ihr Gehirn heraus» beim Marktführer Lumosity mit über 50 Millionen Nutzern. Mit einem gezielten Gehirntraining, suggerieren solche Slogans, könne man die kogni­tiven Leistungen verbessern, das Gedächtnis aufmotzen und sogar gescheiter werden (siehe auch Box unten).

Funktioniert hat der Effekt nur bei hochgradig Motivierten

Und tatsächlich: Die Trainingsprogramme können helfen, bestimmte Hirnleistungen zu fördern. Wer zum Beispiel fleissig übt, Wörter zu bilden, kann seine sprachliche Kompetenz verbessern. Wer immer wieder geometrische Formen mental rotiert, fördert sein visuell-räumliches Gedächtnis, und wer viel blitzrechnet, steigert seine mathematischen Fähigkeiten. Mit anderen Worten: Dort, wo man viel trainiert, wird man auch besser. Das ist wissenschaftlich unbestritten.

Unklar ist hingegen, ob das Training weiter reichende Folgen haben kann. Etwa, ob jemand, der fleissig rechnet, auch besser im Planen wird oder ob ein inten­sives Gedächtnistraining auch die ­sogenannte fluide Intelligenz ­steigern kann, also die Fähigkeit, neue Probleme zu lösen, ohne ­dabei auf vorgängig Gelerntes ­zurückzugreifen. Hirnforscher reden von einem «Transfereffekt».

Vieles spricht dagegen, dass gängige Gehirnjogging-Übungen Transfereffekte bewirken. «Lernen ist sehr, sehr spezifisch. Es ist äusserst schwierig, etwas Gelerntes auf neue Situationen, auf neue Zusammenhänge zu übertragen», sagt die kognitive Neurowissenschaftlerin Daphne Bavelier von der Universität Genf. «Wir nennen das den ‹Fluch des spezifischen Lernens›.»

Transfereffekte sind daher so etwas wie der Heilige Gral der Neuropsychologie. Schon seit vielen Jahren suchen Forscher weltweit nach Trainingsmethoden, bei denen sich ein solcher Effekt einstellt. Bislang meist ohne Erfolg. «80 bis 90 Prozent der gemachten Untersuchungen belegen, dass Transfereffekte von einer kognitiven Leistung auf eine andere ­relativ schwach sind», sagt der Neuro­psychologe Lutz Jäncke von der Universität Zürich.

Für viel Aufsehen sorgte 2010 die «BBC-Studie». 11 430 Erwachsene nahmen damals an der grössten Untersuchung zu computer-­basiertem Gehirntraining teil. Das Fazit: Die Probanden verbesserten sich zwar bei den Games, die sie spielten, einen Transfer­effekt fanden die Forscher aber nicht. «Gehirntraining macht uns nicht gescheiter», schrieben sie im Wissenschaftsmagazin «Nature». Zwei norwegische Forscher, die in einer Übersichtsarbeit 2013 alle relevanten Studien zum Thema Transfereffekt begutachteten, fanden ebenfalls keine überzeugenden Hinweise darauf.

Dass über den Transfereffekt überhaupt noch diskutiert wird, geht zu einem grossen Teil auf das Konto der Arbeitsgruppe um den Psychologen Walter Perrig von der Universität Bern und seiner Doktorandin Susanne Jäggi. In einer viel beachteten Arbeit berichteten sie 2008, dass ein Training des Arbeitsgedächtnisses mit ­einer anspruchsvollen N-Back-­Aufgabe tatsächlich zu einer Verbesserung der fluiden Intelligenz führe, und zwar «dosisabhängig»: Je mehr Training, desto grösser die Verbesserung. Im Herbst 2013 konnte Jäggi, mittlerweile Assistenzprofessorin an der University of California in Irvine, in einer weiteren Studie zeigen, dass auch die Einstellung eine wichtige Rolle spielt: Wer an einen Erfolg des Gehirntrainings glaubt, profitiert auch davon.

Ist also ein Placebo-Effekt dafür verantwortlich, dass Jäggi und Perrig einen Transfereffekt finden und die meisten anderen Forscher nicht? Jein, denn in einem weiteren Punkt unterscheiden sich die Berner Studien von jenen der Konkurrenz. Jäggi und Co. wählten nur Probanden aus, die hochgradig motiviert waren und die auch wussten, worum es ging. «Ich weiss nicht, ob das der entscheidende Grund war», sagt Perrig, «aber es ist eine Hypothese.»

Das könnte stimmen, meint Jäncke. Für den Neuropsycho­logen liegt der Schlüssel zum Erfolg von Jäggis Training aber vor allem darin, dass nicht nur eine ­Fähigkeit trainiert wird, sondern gleichzeitig verschiedene Hirn­funktionen gefordert werden. So trainiert die N-Back-Aufgabe sowohl das visuelle als auch das auditorische Arbeitsgedächtnis. Zudem muss man sich bei so einer komplexen Aufgabe motivieren und konzentrieren. Die Frage sei dann allerdings, so Jäncke, ob man überhaupt von einem Transfer­effekt sprechen könne, wenn eh schon gleichzeitig viele verschiedene Funktionen trainiert würden.

«Die Anbieter produzieren nur Nebelbomben»

Für Jänckes «Multimodalitäts»-­Hypothese spricht auch ein Experiment kalifornischer Forscher. Senioren mussten auf dem Bildschirm ein Auto über eine kur­vige, steile Strecke steuern und gleichzeitig auf Schilder achten, die neben oder über der Strasse auftauchten. Ihre Aufmerksamkeit war gefordert, sie mussten schnell Aufgaben wechseln und Informationen im Arbeitsgedächtnis speichern. Und tatsächlich: Die Senioren verbesserten sich nach nur vier Wochen Training in einer ganzen Reihe von kognitiven Fähigkeiten, auch solchen, die nicht direkt trainiert wurden, wie die Forscher letzten Herbst in «Nature» berichteten.

Multimodalität spielt bei den kommerziellen Gehirntrainings keine grosse Rolle. Zwar stützen sich verschiedene Anbieter, darunter Lumosity und Neurona­tion, auf die Arbeiten von Jäggi und Co. Nur: Derart komplex wie die Aufgaben im Labor ist keines der kommerziellen Lernprogramme, und die Motivation der Anwender ist auch schwer zu beeinflussen. Zudem hat kein Anbieter wissenschaftlich sauber getestet, ob die Trainingsprogramme halten, was sie versprechen. Die Firmen würden zwar mit wissenschaftlichen Untersuchungen prahlen, sagt Jäncke. «Die Ergebnisse zeigen sie aber nicht. Die produzieren nur Nebelbomben.»

Derweil hat die Brain-Games-­Industrie nicht nur Gesunde im Visier, sondern zunehmend auch Menschen mit kognitiven Defiziten. Die Programme und Apps sollen bei Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsstörungen helfen, bei Leseschwäche, bei Depressionen und als Prävention vor Alzheimer oder Burn-outs dienen, heisst es auf den Websites. Nur: Wissenschaftlich abgestützt sind auch diese Behauptungen nicht.

Trotz der dürftigen Datenlage boomt Gehirnjogging. «Das ist eine Multimilliarden-Dollar-Industrie», sagt Jäncke. Der Traum von einem intelligenteren Leben lassen sich die Nutzer einiges ­kosten. Bei Lumosity beläuft sich das Training monatlich auf 15 Franken, im Jahr 80 Franken, bei Neuronation bewegen sich die Abopreise im ähnlichen Rahmen.

Action-Game-Spieler ­verbessern ihre Sehfähigkeit

Das Geld könnte man auch anders einsetzen. Für Klavierlektionen etwa oder einen Sprachkurs. «Ich plädiere dafür, etwas Sinnvolles zu lernen», sagt Jäncke, «da haben Sie auch einen Gewinn davon.»

Doch auch für alle jene, die ­lieber am Computer ihr Gehirn fordern, aber keine langweiligen Gedächtnistrainings absolvieren wollen, gibt es ein Rezept: Ac­tion-Games spielen! «Medal of Honor» zum Beispiel, «Call of Duty» oder «Unreal Tournament». Denn ausgerechnet Shooter-Games scheinen das zu können, was all die Gehirnjogging-­Programme nur versprechen: Sie verbessern die Aufmerksamkeit, das Arbeitsgedächtnis, sie ­fördern das Multitasking und das räumliche Vorstellungs­ver­mögen. Das heisst: Action-­Games scheinen tatsächlich einen Transfereffekt zu ­zeigen.

 Call of Duty

Call of Duty

Diese erstaunlichen Erkenntnisse brachten Experimente der Arbeitsgruppe von Daphne Bavelier an der Universität Genf ­hervor. Sie liess unerfahrene ­Spieler in ihrem Labor entweder Action-Games trainieren oder Strategiespiele wie «The Sims» oder «Tetris». Nur die Action-­Games-Spieler verbesserten dabei ihre kognitiven Fähigkeiten.

Die wohl überraschendste Erkenntnis: Action-Games-Spieler verbessern auch ihre Sehfähigkeiten, und zwar markant. «Der Spruch ‹Zu viel Bildschirmzeit schadet den Augen!›, stimmt so nicht», sagt Bavelier. Der Befund mache sogar Sinn. ­«Action-Games bieten viel visuelle Stimulation.»

Wer weiss: Vielleicht sind die oft verpönten Action-Games ja gar der lang gesuchte Heilige Gral der Neuropsychologie.

Publiziert in der SonntagsZeitung vom 27. 4. 2014

 

Was kommerzielle Gehirntrainings können und was nicht – und wer davon profitiert

Die meisten Gehirnjogging-Programme zielen darauf ab, das Arbeitsgedächtnis (AG) zu verbessern. Denn bis zu 90 Prozent der messbaren Intelligenz (IQ), aber auch die Motivation und die Aufmerksamkeit korrelieren mit dem AG. Die Idee dabei, die kommerzielle Gehirntrainings-­Anbieter gerne kolportieren: Wenn man das AG trainiert, dann müsste das auch auf andere Gehirnfunktionen Auswirkungen haben, weil das AG für so viele Dinge wichtig ist. Das Problem: Solche Transfereffekte konnten in der Praxis bisher nur in Ausnahmefällen nachgewiesen werden.

Obwohl ein Gehirntraining also kaum schlauer macht, haben Anbieter wie Lumosity, Cogmed, Neuronation, Cognifit, ­Jungle Memory, ­Happy Neuron, Braintwister (Uni Bern) etc. starken Zulauf. Wohl auch, weil ­viele Firmen damit werben, ihre Produkte basierten auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Aber nur die wenigsten testen ihre Programme tatsächlich auf deren Effektivität. Zu den Ausnah­men zählen der Marktführer Lumosity und Cogmed, die viel in die Forschung investieren. Einen Transfer­effekt konnten aber auch sie für ihre Produkte bislang nicht nachweisen.

Wer profitiert von einem Gehirntraining? Am ehesten Menschen, die bislang kaum Gedächtnistraining gemacht haben, sagt der Neuropsychologe Lutz Jäncke von der Uni Zürich. Das Beste an den Programmen sei, dass man damit das Lernen lerne, auch das Planen und Motivieren. «Für mich wären solche ­Programme aber sinnlos.»